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ABA League: BC Vienna zu Gast bei Zvezda – ein neuer Maßstab

Was für BC Vienna im vergangenen November noch das Spiel des Jahres war, gehört inzwischen zur neuen Normalität. Das morgige Rückspiel bei KK Crvena Zvezda (19.00 Uhr) ist kein Ausnahmeereignis mehr, sondern Teil eines Alltags, in dem sich Vienna regelmäßig mit EuroLeague- und EuroCup-Teams misst. Der Maßstab hat sich verschoben, der Anspruch ebenso.

Gleichzeitig ist hierzulande noch nicht allen bewusst, welche sportliche Kragenweite diese Duelle tatsächlich haben. Dass sich eine österreichische Mannschaft in Wien und nun auch auswärts regelmäßig mit Klubs dieses Niveaus misst, ist keineswegs selbstverständlich. Es geht dabei nicht um ein einzelnes Spiel, sondern um einen Maßstab für die Entwicklung des Standorts Wien und für den österreichischen Basketball insgesamt.

In dieser Entwicklung liegt auch eine Perspektive: Wien zeigt zunehmend, dass es infrastrukturell, sportlich und atmosphärisch das Umfeld bietet, um Begegnungen auf internationalem Topniveau regelmäßig auszutragen. Ein Gedanke, der im Kontext der EuroLeague längst nicht mehr abwegig erscheint. Während andere Städte wie Berlin Basketballformate vor allem als Showevents inszenieren, mit starkem Eventcharakter und Influencern, geht es in der Haupstadt um den sportlichen Wettbewerb.

All das ändert nichts an den Kräfteverhältnissen dieses Spiels. In Runde 16 geht Zvezda zuhause als klarer Favorit in die Partie. BC Vienna ist dennoch nicht nach Belgrad gereist, um sich zu ergeben, sondern um die eigene Entwicklung unter echten Auswärtsbedingungen zu testen.

Rückblick mit Aussagekraft

Das Hinspiel in Wien endete mit einer 82:98-Niederlage, war jedoch über drei Viertel hinweg offen. Vienna hielt Tempo, Physis und Intensität mit, ehe Zvezda im Schlussabschnitt defensiv zulegte, Ballverluste erzwang und das Rebounding kontrollierte.

Ausschlaggebend war dabei nicht eine taktische Überlegenheit, sondern die spielerische Klasse einzelner Akteure des Gegners, die in den entscheidenden Momenten Verantwortung übernahmen und Qualität durchsetzten. Genau dieser Umgang mit Drucksituationen ist seither zu einem zentralen Entwicklungsschwerpunkt bei Vienna geworden.

Dieser Reifeprozess verlief nicht geradlinig. Auch die Niederlage gegen Mega, in der Vienna phasenweise führte und dann einen entscheidenden Run des Gegners zuließ, war Teil dieses Weges. Gerade in solchen Momenten zeigte sich, wo Entscheidungen unter Druck noch konsequenter getroffen werden müssen.

Reifer in den entscheidenden Phasen

Genau diese Erfahrung wirkte in den darauffolgenden Spielen nach. Im Dome blieb Vienna sowohl gegen Tabellenführer KK Cedevita Olimpija der Gruppe B als auch gegen KK Spartak Subotica über lange Strecken handlungsfähig und klar in den Abläufen. In zwei Overtimes bestätigte sich, dass dieser Lernprozess Wirkung gezeigt hat.

In den vergangenen Wochen hat Vienna vor allem eines gelernt: Spiele im letzten Viertel nicht mehr aus der Hand zu geben. Die Defensive agiert in den entscheidenden Plays mutiger, aggressiver und klarer in den Entscheidungen. Help-Situationen werden früher erkannt, Closeouts konsequenter ausgespielt, riskante Fouls vermieden.

Parallel dazu ist die Fehlerquote in den Schlüsselmomenten spürbar gesunken. Weniger unnötige Turnover, bessere Shot-Selection und ein konsequentes Clock-Management haben dazu beigetragen, enge Spiele nicht mehr automatisch kippen zu lassen.

Vienna ließ sich weder von Runs noch von Rückschlägen aus dem Konzept bringen und bestätigte damit sichtbar den nächsten Entwicklungsschritt. Gegen Spartak holte man den Rückstand mit spürbarem Selbstvertrauen auf und drehte die Partie.

Rollen greifen, Verantwortung verteilt

Souley Boum ist weiterhin Dreh- und Angelpunkt im Aufbau, doch die Verantwortung liegt nicht mehr ausschließlich auf seinen Schultern. Gregor Glas, Rašid Mahalbašić und Simas Jarumbauskas tragen zunehmend eigene Phasen und entlasten das Spiel spürbar.

Gleichzeitig greift es zu kurz, nur einzelne Namen hervorzuheben: Inzwischen kennt jeder im Roster seine Rolle, und genau dieses Zusammenspiel fließt spürbar und konsequent in den Spielverlauf ein, auch in engen Phasen.

Einzelne Matchups in den Fokus zu stellen, wäre wenig zielführend. Namen wie Chima Moneke, Codi Miller-McIntyre, Jared Butler, Jordan Nwora oder Nikola Kalinić sind BC Vienna bestens bekannt. Die Stärken und Schwächen des jeweiligen Gegners sind im Detail analysiert, entscheidend wird jedoch sein, wie konsequent diese Erkenntnisse auf dem Parkett umgesetzt werden.

Zwischen dem letzten BSL-Spiel und dem morgigen Gastspiel in Belgrad lagen sieben spielfreie Tage. Coach Mike Coffin und sein Trainerstab hatten damit eine volle Woche Zeit, um die Mannschaft gezielt auf diese Partie vorzubereiten. Gleichzeitig bot diese Phase auch Raum für den einen oder anderen Off day, um den Kopf freizubekommen und mit frischer Energie in die Aufgabe zu gehen.

Favorit unter Belastung

Zvezda geht mit breiter Brust, aber nicht unbelastet in die Partie. Nach zuletzt sechs Niederlagen in Serie in der EuroLeague gewann das Team die vergangenen drei Auswärtsspiele mit jeweils über 100 erzielten Punkten, zuletzt am Donnerstag bei Virtus Bologna. Das unterstreicht die hohe Belastung, mit der Zvezda in dieses ABA-Spiel geht.

Die individuelle Qualität, die physische Defensive sowie Erfahrung auf höchstem europäischen und internationalen Niveau, teils auch mit NBA-Background, sprechen klar für den Gastgeber. Entscheidend wird sein, wie konstant diese Intensität über 40 Minuten abrufbar ist, insbesondere in einem Spiel, das weniger über Namen als über Disziplin entschieden wird.

Spielort als zusätzlicher Faktor

Normalerweise würde man im klassischen Sportjournalismus den Spielort nur beiläufig erwähnen. Doch dieser Ort ist mehr als eine Halle. Die Partie findet nämlich nicht in der Belgrader Arena statt, sondern in der Hala Aleksandar Nikolić, die am Balkan seit Jahrzehnten schlicht als „Pionir“ bekannt ist. Grund dafür ist das Finalwochenende der Wasserball-Europameisterschaft.

Damit wartet auf BC Vienna einer der emotionalsten Spielorte Europas. Diese Halle hat zahlreiche legendäre EuroLeague-Nächte erlebt und Spiele immer wieder zugunsten der beiden Belgrader Klubs kippen lassen. Die kurze Distanz zu den Rängen und die dichte Atmosphäre entfalten eine Wucht, die unmittelbar ins Spiel hineinwirkt.

Gerade Spieler mit Partizan-Vergangenheit wie Gregor Glas wissen, dass hier nicht mit einem freundlichen Empfang zu rechnen ist, auch wenn die organisierte Unterstützung der Fangruppierungen in der Regel den EuroLeague-Partien vorbehalten ist. Für Vienna bedeutet das maximale Konzentration von der ersten Possession an.

Eine Halle, die prägt

Zugleich war die Halle im Stadtteil Palilula für viele Spieler ein prägender Schauplatz auf dem Weg zu späteren NBA-Karrieren und europäischen Spitzenlaufbahnen. Unweigerlich drängen sich dabei die legendären Trainingsbilder aus der Ära Duško Vujošević auf, in denen Spieler wie Bogdan Bogdanović unter improvisierten Bedingungen über Besenstiele werfen mussten, Sinnbild für eine Schule, in der Härte, Kreativität und Anspruch untrennbar verbunden waren.

Über dem Pionir schwebt daher bis heute eine besondere Form von Nostalgie. Jeder, der dort ein ausverkauftes Spiel unter den herausfordernden Luftbedingungen und der Akustik Schulter an Schulter mit dem Stehnachbarn erlebt hat, weiß, wovon hier die Rede ist.

All diese Faktoren bilden den Rahmen, in dem diese Partie entschieden wird. Das Rückspiel ist kein historischer Meilenstein mehr, sondern ein realistischer Prüfstein. Vienna reist nicht mit Staunen, sondern mit Selbstverständnis nach Belgrad. Die Frage lautet nicht, ob man mithalten kann, sondern wie tragfähig die eigene Entwicklung unter maximalem Auswärtsdruck tatsächlich ist.