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Between the Lines: Rebekka Kalaydjiev

Rebekka Kalaydjiev spricht so offen wie nie zuvor über den schweren Verkehrsunfall, Familie, Freiheit, das Leben danach und warum Basketball heute nicht mehr alles für sie ist.

Alexander Tanasić
By Alexander Tanasić
Photographs from the private archive of Rebekka Kalaydjiev

Nach dem Damen-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz im vergangenen Februar war eigentlich ein Q&A geplant. Fragen über die Rückkehr ins Nationalteam, Australien und die nächsten Monate. Dazu sollte es an diesem Abend allerdings nicht mehr kommen.

Bekki war nach dem Spiel körperlich nicht in bester Verfassung und musste das Interview kurzfristig absagen. Später entschuldigte sie sich sogar noch einmal dafür, obwohl eigentlich schnell klar war, dass es an diesem Abend einfach nicht gepasst hätte.

Viele Wochen später nahmen wir uns zwischen Wien und Tasmanien Zeit für ein längeres Gespräch. Ohne Zeitdruck und ohne das Gefühl, einfach nur Fragen abzuarbeiten. Eher wie auf einen Kaffee irgendwo in der City, nur eben zwischen zwei Zeitzonen.

Über Basketball und die Zeit nach dem Unfall hat Bekki in den vergangenen Jahren oft gesprochen. Über vieles andere deutlich seltener. Über manches überhaupt noch nie. Schnell wurde auch Bekki selbst klar, dass daraus mehr entstehen würde als ein gewöhnliches Interview.

Dafür waren die Fragen und Antworten zu persönlich und die Pausen dazwischen zu ehrlich. Genau daraus entstand schließlich „Between the Lines“. Nicht nach einem langen Konzeptprozess oder einer Strategieklausur. Sondern ganz spontan, mitten in einem Gespräch.


Das war das letzte Mal, dass ich Basketball gespielt habe.
Rebekka Kalaydjiev

Einer der schwierigsten Teile des Gesprächs führte immer wieder zurück zu jenem Nachmittag vor fünf Jahren.

Heute kann Bekki vergleichsweise ruhig darüber sprechen. Über den Unfall selbst allerdings nur noch selten. Kurz davor hatte sie mit dem österreichischen 3×3-Nationalteam den zweiten Platz bei der FIBA Women’s Series in Montreal (Kanada) geholt. Wenige Stunden später landet sie wieder in Florida, auf dem Rückweg nach Lakeland wartet sie am Flughafen auf ihre Freunde und steigt ins Auto. Ab diesem Moment verschwindet die Erinnerung.

Heute weiß Bekki nur noch, was andere ihr erzählt haben. Manchmal tauchen nachts Bilder auf, kurz bevor sie einschläft. Keine echten Erinnerungen, eher Fragmente einer Vorstellung. Ein Auto. Bewegung. Der Aufprall. Wie sie aus dem Wagen geschleudert wird und auf dem Kopf landet.

„Ich erinnere mich nicht daran, aber ich sehe es trotzdem vor mir“, sagt sie.

Die heute 26-Jährige erlitt bei dem Verkehrsunfall in den USA lebensbedrohliche Verletzungen. In den ersten Tagen wussten die Ärzte nicht, ob sie jemals wieder gehen kann oder welche Schäden bleiben würden. Schädelbruch. Blutungen im Gehirn. Eine Kniescheibe, die in zwölf Teile zerbrochen war.

Bekki Kalaydjiev an der Southeastern University in Florida
Bekki Kalaydjiev verbrachte insgesamt sechs Jahre im US-Collegebasketball. Zunächst am Florida Southern College, später an der Southeastern University, wo sie ihren Bachelor und Master abschloss.
Foto: Privatarchiv Bekki Kalaydjiev

Und trotzdem geht es in unserem Gespräch erstaunlich selten nur um den Unfall selbst. Viel öfter geht es um die Zeit danach. Um Identität. Um die Frage, wie sich ein Mensch verändert, wenn plötzlich alles wegbricht, worüber man sich jahrelang definiert hat.

Es dauert oft nicht lange, bis Menschen sie darauf ansprechen. „Ah, du warst die mit dem Unfall.“

Lange wusste Bekki selbst nicht ganz, wie sie damit umgehen soll. Nicht, weil Menschen es böse meinten. Viele begegneten ihr mit Respekt, manche fast mit Bewunderung. Genau das machte es kompliziert. Denn irgendwann begann sie sich zu fragen, ob der Respekt eigentlich ihr galt oder der Geschichte, die man mit ihr verband.

Früher war sie vor allem Basketballerin. Dann fiel dieser Teil ihres Lebens plötzlich weg. Zurück blieb eine Rolle, die sie sich nie ausgesucht hatte: die der Überlebenden.

„Eine Zeit lang habe ich mich gefragt, ob Menschen überhaupt mit mir reden würden, wenn der Unfall nie passiert wäre“, sagt sie.

Irgendwann begann daraus eine noch unangenehmere Frage zu werden. Was passiert eigentlich, wenn selbst diese Identität irgendwann verschwindet? Wenn die Geschichte irgendwann niemanden mehr interessiert? Wenn auch das wegfällt, worüber einen plötzlich alle definieren?

Heute kann Bekki vergleichsweise offen darüber sprechen. Nicht so, als hätte sie alles verarbeitet. Aber so, als würde sie nicht mehr permanent dagegen ankämpfen.


Die Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, sehen in mir ohnehin nicht bloß die Unfallüberlebende.
Rebekka Kalaydjiev

Eine der Erinnerungen, die ihr aus dieser schweren Zeit besonders hängen geblieben ist, hat nichts mit Basketball zu tun. Im Krankenhausbett schaut sie sich alte Videos von sich selbst an. Wie sie spielt, läuft, sich bewegt. Und plötzlich fühlt sich diese Person fremd an. Nicht motivierend oder inspirierend, sondern fast wie jemand anderes.

„Diese alte Bekki war irgendwie weg“, sagt sie.

Die ersten Wochen danach beschreibt sie nicht dramatisch. Gerade deshalb bleiben viele Momente hängen. Der Versuch, wieder selbst aufzustehen. Essen, das plötzlich kompliziert wird, weil die ausgeschlagenen Zähne, die Nackenstütze und die Schmerzen selbst kleinste Bewegungen zur Herausforderung machen.

Sie erinnert sich daran, wie frustrierend selbst die banalsten Dinge plötzlich wurden. Wie sie die Gabel hochheben musste, weil sie den Kopf kaum bewegen konnte. Wie sie manchmal einfach nur trinken wollte und stattdessen Tropfen aus einem Schwamm bekam. Wie sehr sie diese völlige Abhängigkeit von anderen belastete.

Und manchmal, sagt Bekki heute, sei sie so überfordert gewesen, dass sie am liebsten einfach den Teller gegen die Wand geschmissen hätte.

Bekki Kalaydjiev an der Southeastern University in Florida
Nach dem schweren Verkehrsunfall verbrachte Bekki Kalaydjiev mehrere Wochen im Krankenhaus. Bis heute trägt sie Schrauben im Nacken und kämpft täglich mit den Folgen der Verletzungen.
Foto: Privatarchiv Bekki Kalaydjiev

Noch schwerer fällt Bekki bis heute die Erinnerung an einen Moment mit ihrer älteren Schwester.

Einmal schickte Bekki sie aus dem Krankenzimmer. Sie wollte nicht, dass Marlene sie weinen sieht. Nicht hilflos im Krankenhausbett. Nicht in diesem Zustand. Nicht mit diesem Gefühl, plötzlich keinerlei Kontrolle mehr über das eigene Leben zu haben.

Später erfuhr Bekki allerdings, dass Marlene draußen vor dem Fenster stand und sie trotzdem gesehen hatte. Wie sie im Bett lag und weinte. Ihre Schwester weinte draußen mit.

Vielleicht war das der Moment, in dem Bekki zum ersten Mal verstand, dass dieser Unfall nie nur sie allein getroffen hatte.

Damals im Krankenhaus ging es Bekki körperlich und mental oft so schlecht, dass sie vieles lieber alleine verarbeitet hat. Nicht, weil sie niemanden um sich haben wollte. Sondern weil sie es kaum ertragen konnte, von Menschen gesehen zu werden, die ihr wirklich nahestehen.

Nach der langen Zeit zwischen Reha, Rückschlägen und unzähligen Monaten fernab von Normalität sei irgendwann langsam wieder etwas entstanden, das sich nach Alltag angefühlt habe. Nicht sofort Basketball, nicht sofort Leistung. Sondern zuerst einfach das Gefühl, wieder normal leben zu können.

Gerade die Menschen um sie herum hätten dabei eine enorme Rolle gespielt. Ihre Eltern Sonja und Tzvetan. Ihre Schwestern Marlene und Natalie. Menschen, die versuchten, stark zu bleiben, obwohl sie selbst nicht wussten, wie alles ausgehen würde.

Im Krankenhausbett, zwischen Schmerz, Unsicherheit und völliger Abhängigkeit, waren es oft kleine Dinge, die geblieben sind. Nachrichten auf dem Handy. Videos aus Spanien, aus Serbien, aus der internationalen 3×3-Community. Menschen, die sie teilweise gar nicht kannte.

Noch heute spricht sie darüber mit spürbarer Dankbarkeit. Nicht, weil dadurch plötzlich alles besser geworden wäre. Sondern weil ihr diese Nachrichten in einem Moment, in dem sich alles fremd anfühlte, gezeigt haben, dass sie nicht allein ist.


Das war damals eigentlich das Einzige, woran ich mich festhalten konnte.
Rebekka Kalaydjiev

Wenn Bekki heute von ihren „Baustellen“ spricht, meint sie damit keine Metaphern. Sie meint Titanschrauben im Nacken. Taube Stellen im Oberschenkel. Schmerzen, die von außen oft niemand sieht und die trotzdem jeden Tag da sind.

An guten Tagen seien viele Dinge erträglich. An schwierigeren Tagen werde plötzlich alles größer. Präsenter. Belastender. Dann komme manchmal fast so etwas wie Aggression dazu. Ein inneres Aufbäumen gegen dieses ständige Unangenehme.

Gleichzeitig bleiben diese Momente meist kurz. Sekunden. Minuten. Dann lenkt sie sich ab, bewegt sich, denkt an etwas anderes. Vielleicht erklärt genau diese Zeit auch, warum Bekki heute vieles unbedingt selbst schaffen möchte.

„Passt schon“, sagt sie bis heute oft viel zu schnell, wenn ihr jemand helfen will.

Dass manche Dinge noch nicht abgeschlossen sind, weiß sie selbst. Als das Gespräch irgendwann auf Traumatherapie kommt, wird Bekki kurz stiller. Sie sagt offen, dass sie weiß, dass dieser Schritt irgendwann notwendig sein wird. Aber jetzt sei noch nicht der Zeitpunkt, an dem sie diese Tür ganz öffnen möchte.

Ein wichtiger Teil ihres Umgangs damit war das Schreiben. Schon wenige Wochen nach dem Unfall begann sie, in den Notizen ihres Handys festzuhalten, wie es ihr geht. Nicht nur große Gedanken. Sondern kleine Fortschritte. Sich bücken. Die eigenen Beine selbst vom Bett heben. Ein paar Schritte gehen.

Heute liest sie sich diese Notizen manchmal wieder durch. Vor allem dann, wenn sie viel über den Unfall spricht. Gleichzeitig merkt sie, wie anstrengend es bis heute sein kann, emotional wieder dorthin zurückzugehen.

Genau dadurch entstand auch eine besondere Atmosphäre in diesem Gespräch. Pausen waren möglich. Gedanken mussten nicht sofort fertig formuliert sein und manche Antworten entstanden erst Minuten später.

Wenn sie sich öffnet, wenn sie neue Menschen kennenlernt und wieder alles erzählt, sei sie am Abend oft nervöser und innerlich unruhiger. Vielleicht wirke sie deshalb manchmal kontrollierter oder kühler, als sie eigentlich ist.


Ihr habt keine Ahnung.
Rebekka Kalaydjiev

Diesen Gedanken habe sie damals oft gehabt, wenn Menschen versuchten, sie zu trösten oder ihr zu sagen, dass alles wieder gut werde. Nicht aus Undankbarkeit. Sondern weil sie damals nicht nur Schmerzen hatte. Sie hatte Angst vor dem Leben selbst. Vor dem, was jederzeit passieren kann.

Gleichzeitig gebe es ein paar Menschen, bei denen sich das bis heute anders anfühlt. Ihre Schwestern. Menschen, die ganz nah dran waren. Dort brauche es oft keine großen Worte. Blicke reichen.

Wenn Bekki über Zuhause spricht, spricht sie fast automatisch über Familie. Über Wien. Über dieses vertraute Umfeld, das in ihren Erzählungen immer wieder auftaucht. Gleichzeitig ist sie früh ihren eigenen Weg gegangen. Erst Deutschland, später die USA, heute Australien.

Bekki Kalaydjiev an der Southeastern University in Florida
Bekki Kalaydjiev mit ihrer Mutter Sonja und ihrem Vater Tzvetan während ihrer emotionalen Rückkehr ins normale Leben.
Foto: Privatarchiv Bekki Kalaydjiev

Heute lebt Bekki am anderen Ende der Welt, weit weg von Wien und trotzdem nie ganz getrennt davon.

Australien sei für sie mehr als nur Basketball. Es gehe um Distanz, um Raum und um ein Umfeld, in dem weniger Zuschreibungen existieren. Vor allem aber liebe sie den Lebensstil dort.

Die Menschen seien entspannter, offener und weniger von ständigem Druck geprägt. Vieles fühle sich leichter an. Der Alltag. Die Gespräche. Der Umgang miteinander.

Besonders wohl fühlt sie sich in Tasmanien, der Insel südlich von Melbourne, wo sie aktuell lebt, trainiert und für Northern Force spielt. Dort, sagt sie, passe einfach der Vibe. Die Natur, die Ruhe und dieses Gefühl, dass nicht ständig alles unter Spannung steht.

Freiheit sei eines der wichtigsten Gefühle in ihrem Leben. Sobald sie sich nicht frei fühle, merke sie schnell, dass sie raus müsse. Das gelte für Lebenssituationen genauso wie für Freundschaften oder Beziehungen.

Gleichzeitig weiß sie selbst, dass ihr Körper nie wieder völlig „normal“ funktionieren wird. Wie lange Leistungssport auf diesem Niveau noch möglich ist, könne niemand sagen. Vielleicht lebt sie deshalb vieles heute etwas unmittelbarer.

Die Wochen zurück in Wien vor dem Abenteuer Australien habe sie deshalb besonders genossen. Die Zeit bei den Basket Flames. Die Familie. Freunde. Dieses vertraute Gefühl von Zuhause.

Wien sei für sie bis heute Heimat. Ein Ort voller Lebensfreude und Vertrautheit. Ein Ort, den sie liebt und an dem sie sich am wohlsten fühlt. Gleichzeitig beschreibt sie die Stadt manchmal auch als eng. Vielleicht müsse sie gerade deshalb immer wieder weg, um später wieder zurückzukommen.

Bekki Kalaydjiev an der Southeastern University in Florida
Bekki Kalaydjiev spielt aktuell für Northern Force.
Foto: @northernforcebasketballclub

Auch sportlich spricht Bekki auffallend ungeschönt über sich selbst. Keine Standardsätze über den nächsten großen Schritt. Keine künstliche Selbstinszenierung. Keine Antworten, die klingen, als wären sie schon für den nächsten Instagram-Post vorbereitet worden.

Sie sagt offen, dass sie sich nie wirklich mit den absoluten Top-Spielerinnen Europas verglichen habe. Nicht einmal in Phasen, in denen andere ihr genau das zugetraut hätten. Manchmal habe sie das Gefühl gehabt, dass ihr für dieses ganz obere Regal weniger Talent oder Möglichkeiten fehlen als etwas anderes. Dieser kompromisslose innere Drang, alles dem Basketball unterzuordnen. Dieses ständige „noch mehr wollen“, das viele Spitzensportler antreibt.

„Ich weiß nicht, ob ich jemals so war“, sagt sie.

Basketball habe immer einen enorm wichtigen Platz in ihrem Leben gehabt. Aber eben nicht mehr alles. Vielleicht sei genau das heute auch ein Unterschied zu früher. Dass Basketball weiterhin ein wichtiger Teil ihres Lebens sei, aber nicht mehr der einzige Mittelpunkt, um den sich alles dreht.

Vielleicht habe ihr genau diese Distanz in manchen Momenten sogar geholfen.

Trotz Verletzungen, längerer Pausen und der Jahre auf einem anderen Kontinent bedeutet ihr das Nationalteam enorm viel. Sowohl im 3×3 als auch im 5×5. Vor allem deshalb, weil sie dort über die Jahre eine Entwicklung gespürt habe. Nicht nur sportlich, sondern auch mental. Mehr Selbstverständnis. Mehr Ruhe. Mehr Überzeugung, dass man auf diesem Niveau mittlerweile wirklich bestehen kann.

Gerade im 3×3 habe sie das Gefühl, dass innerhalb weniger Jahre etwas entstanden ist, das es früher so nicht gegeben habe. Eine Gruppe von Spielerinnen, die nicht nur teilnehmen will, sondern wirklich daran glaubt, auf diesem Niveau mithalten zu können. Gleichzeitig sei diese Entwicklung mittlerweile auch im 5×5 angekommen.

Vielleicht passt genau das auch zu ihrem eigenen Blick aufs Leben heute. Nicht dieses permanente „höher, weiter, mehr“, das heute überall spürbar ist und viele Menschen ständig antreibt. Sondern eher die Frage, was am Ende wirklich bleibt.

Bekki sagt offen, dass sie keine Angst mehr vor dem Tod habe. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern aus einer Art Frieden heraus. Sie liebe ihr Leben, wolle alles dafür tun, dass es weitergeht, aber ohne dieses panische Festhalten.

Vielleicht erklärt genau das auch, warum sie heute die kleinen Dinge bewusster wahrnimmt. Einen Kaffee. Die Sonne. Ein Getränk mit Eiswürfeln. Dinge, die banal wirken und für sie trotzdem Bedeutung haben. Nicht alles daran lässt sich erklären.

Aber das muss es auch gar nicht.