Wo Jugoplastika Geschichte schrieb: BC Vienna gastiert in Split
Nach dem wichtigen Heimerfolg gegen SC Derby richtet sich der Blick bei BC Vienna bereits auf die nächste Auswärtsreise in der ABA League im Play-Out. Diese führt die Wiener an die Adriaküste nach Split, in eine Stadt, in der Basketball seit Generationen zum kulturellen Selbstverständnis gehört.
Für Vienna ist die Partie gegen KK Split am Mittwoch um 19.00 Uhr zugleich richtungsweisend. Mit einem Sieg würden die Hauptstädter ihren siebten Saisonerfolg feiern und sich mitten im Rennen um einen Platz im Play-In positionieren. Dass ausgerechnet Split zum nächsten Schauplatz dieser Saisonphase wird, ist dabei mehr als nur eine geografische Randnotiz. Kaum ein anderer Ort in Europa ist so eng mit der Geschichte des Basketballs verbunden wie diese dalmatinische Hafenstadt.
Als Jugoplastika Europa beherrschte
Heute trägt der Klub schlicht den Namen KK Split. Seine größte Strahlkraft entwickelte er jedoch unter einem anderen Namen: Jugoplastika. Dahinter stand ein weltweit tätiger jugoslawischer Industriekonzern mit Sitz in Split, dessen Sponsoring die finanziellen Voraussetzungen für eine Mannschaft schuf, die den europäischen Basketball prägen sollte.
Zwischen 1989 und 1991 gewann dieses Team dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister, den heutigen EuroLeague-Titel. Damit begründete Jugoplastika eine Three-Peat-Dynastie, die bis heute zu den prägendsten Kapitel des europäischen Basketballs gehört. Ein Kunststück, das bis heute nur einem anderen Klub gelang, nämlich dem ersten Champion der Wettbewerbsgeschichte, ASK Riga, der zwischen 1958 und 1960 ebenfalls drei Titel in Serie holte.
Doch Jugoplastika war mehr als nur eine Siegesserie. Es war ein Basketballlabor, in dem eine Generation außergewöhnlicher Spieler heranwuchs. Viele von ihnen standen noch am Anfang ihrer Karriere, als sie Europa eroberten.
Mit Toni Kukoč, Dino Radja, Žan Tabak, Velimir Perasović und Zoran Savić formte Trainer Božidar Maljković eine Mannschaft, die Spielintelligenz, Disziplin und Kreativität der jugoslawischen Basketballschule perfekt verkörperte. Split wurde in dieser Zeit zum Zentrum des europäischen Basketballs, ein Ort, an dem aus Talenten Weltklassespieler wurden und an dem Team-Basketball zur Kunstform erhoben wurde.
Teil dieser legendären Generation war auch Aramis Naglić, der heute als Head Coach des österreichischen Herren-Nationalteams tätig ist. Mit Jugoplastika gewann er zwei Europapokale der Landesmeister und verbindet damit eine der größten Dynastien des europäischen Basketballs direkt mit der Gegenwart des österreichischen Basketballs.
Ein Klub mit tiefen Wurzeln
Die Geschichte des Vereins begann jedoch lange vor dieser goldenen Ära. Bereits 1945 entstand innerhalb der Sportgesellschaft Hajduk eine Basketballsektion, aus der wenige Jahre später ein eigenständiger Klub hervorging. Seit 1949 tritt der Verein unter dem Namen Split an und etablierte sich in den 1960er Jahren dauerhaft in der höchsten jugoslawischen Liga.
Schon in den 1970er Jahren machte der Klub international auf sich aufmerksam. Split erreichte 1972 das Finale des Europapokals der Landesmeister und ein Jahr später auch das Endspiel im Europapokal der Pokalsieger. Wenige Jahre später folgten mit den Korać-Cup-Triumphen 1976 und 1977 die ersten großen internationalen Titel und die ersten Vorboten jener Generation, die den Klub später zur europäischen Basketballmacht machen sollte.
Der Zerfall einer Basketballmacht
Doch die Basketballlandkarte auf dem Balkan sollte sich wenige Jahre später grundlegend verändern. Der Zerfall Jugoslawiens und die Kriege der 1990er Jahre hinterließen nicht nur politisch und gesellschaftlich tiefe Spuren, sondern erschütterten auch die Strukturen des Sports.
Wer die ESPN-Dokumentation „Once Brothers“ aus der Reihe „30 for 30“ über Vlade Divac und Dražen Petrović gesehen hat, kennt die persönliche und sportliche Tragweite dieses Zerfalls. Sie erzählt nicht nur die Geschichte zweier Freunde, die durch den Krieg getrennt wurden, sondern auch die Geschichte einer Basketballkultur, die einst zu den stärksten der Welt gehörte.
Klubs wie KK Split, KK Cibona oder KK Bosna verloren Strukturen, wirtschaftliche Stabilität und vor allem jenen gemeinsamen Wettbewerb, der über Jahrzehnte eine der stärksten Basketballkulturen Europas hervorgebracht hatte. Die Entwicklung von Split steht dabei exemplarisch für das Schicksal vieler traditionsreicher Klubs aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Während heute nur noch KK Partizan und KK Crvena Zvezda regelmäßig auf der größten europäischen Bühne auftreten und zu den größten Klubs der Region zählen, stehen viele andere Standorte vor allem für eine Vergangenheit, in der der jugoslawische Basketball den Kontinent prägte.
Der Mythos Jugoplastika lebt in Split bis heute weiter. Die Geschichte des Klubs ist überall präsent, wirkt heute jedoch oft größer als die Gegenwart. Die Spiele in der traditionsreichen Gripe-Halle sind längst nicht mehr so ausverkauft wie zu den glorreichen Zeiten der späten 1980er Jahre.
Traditionsklubs wie KK Split bewegen sich heute mit deutlich kleineren Budgets als in ihrer glorreichen Vergangenheit. Die Situation ist zwar längst nicht so dramatisch wie beim einstigen Rivalen Cibona, der sich im vergangenen Jahr aus der ABA League zurückzog, doch auch Split arbeitet seit Jahren unter finanziell engeren Rahmenbedingungen und ist dabei stark auf die Unterstützung der Stadt Split sowie regionaler Sponsoren angewiesen.
Denn bis zu diesem historischen Einschnitt gehörte Jugoslawien zu den dominierenden Basketballnationen der Welt. Die Nationalmannschaft gewann Welt- und Europameistertitel sowie olympisches Gold und brachte Generationen von Spielern hervor, die auch für die USA bei internationalen Turnieren eine ernsthafte Bedrohung darstellten, lange bevor NBA-Stars den olympischen Basketball zur heutigen Selbstverständlichkeit machten.
Figuren wie Vlade Divac und Dražen Petrović wurden dabei zu Pionieren. In einer Zeit, in der europäische Spieler in der NBA noch als seltene Ausnahme galten, ebneten sie den Weg für jene internationale Generation, die heute selbstverständlich Teil der Liga ist.
Auch heute noch ist in Split spürbar, welche Rolle Basketball hier spielt. Zwischen den engen Gassen der Altstadt, den Mauern des Diokletianpalastes und dem Blick auf die Adria gehört der Sport zur Identität der Stadt, ähnlich selbstverständlich wie Fußball beim Traditionsverein HNK Hajduk Split.
Das Matchup: Zahlen, Schlüsselspieler und Stärken
Ein Blick auf die Saisonstatistiken zeigt, dass sich zwei unterschiedliche Profile gegenüberstehen. KK Split erzielt im Schnitt 83,3 Punkte, während BC Vienna mit 84,5 Punkten pro Spiel leicht darüber liegt. Auch beim Ballmovement hat Vienna Vorteile, die Wiener kommen auf 18,3 Assists, Split auf 17.
Gleichzeitig offenbaren die Zahlen auch die defensive Ausgangslage: Split kassiert im Schnitt 94,2 Punkte, während Vienna mit 89,5 zugelassenen Punkten defensiv besser agiert. Auffällig ist zudem, dass Vienna mehr Ballgewinne produziert (7,6 Steals pro Spiel) und auch beim Rebounding leicht vorne liegt.
Split hingegen bringt physische Präsenz unter dem Korb mit und blockt mehr Würfe (2,2 Blocks gegenüber 1,2 bei Vienna). Genau in dieser Balance aus Tempo, Ballmovement und physischem Spiel unter dem Korb könnte sich am Ende entscheiden, welche Mannschaft am Mittwochabend den Rhythmus der Partie bestimmt.
Ein besonderer Fokus der Wiener Defensive wird dabei auf Demajeo Wiggins liegen müssen. Der US-Big Man ist statistisch der prägendste Spieler im Kader von KK Split. Mit 14 Punkten und über 8 Rebounds pro Spiel führt er sein Team sowohl beim Scoring als auch unter den Brettern an und sorgt zusätzlich für Präsenz am defensiven Ring.
Unterstützt wird er vor allem von Teyvon Taffarie Myers, der mit 12,4 Punkten im Schnitt eine weitere offensive Option darstellt, sowie von Antonio Jordano, der als Guard regelmäßig zweistellig punktet.
Erfahrung bringt zudem Zoran Dragić in den Split-Backcourt. Der slowenische Guard spielte unter anderem für Milano, Anadolu Efes und Žalgiris und stand auch kurzzeitig in der NBA an der Seite seines Brudes Goran. Seine Routine und defensive Aktivität machen ihn zu einem wichtigen Anker im Spiel der Dalmatiner.
Für Vienna bedeutet das vor allem eines: Die Kontrolle der Zone wird entscheidend sein. Gelingt es, Wiggins beim Rebounding und im Pick-and-Roll zu limitieren, nimmt man Split einen großen Teil seiner offensiven Balance.
Wiener Verbindungen nach Split
Auch aus Wiener Sicht gibt es personelle Verbindungen zu diesem traditionsreichen Standort. Mit Darko Bajo und Lovre Runjić stehen zwei Vienna-Spieler im Kader, die ihre Basketballvergangenheit beim Traditionsklub Split haben. Runjić ist zudem gebürtiger „Splićanin“ und durchlief Teile seiner Ausbildung im Nachwuchsprogramm des Vereins.
Beide verbindet darüber hinaus auch eine persönliche Beziehung zum inzwischen verstorbenen Trainer Ante Grgurević, der über viele Jahre eine prägende Figur des Basketballs in Split war. Bajo gedachte Grgurević mit seinem spektakulären Dreier gegen Spartak Subotica – ein Wurf, der mehr bedeutete als drei Punkte.
Ein intensives Wochenende für Vienna
Während Vienna sich auf das nächste Kapitel der ABA League vorbereitet, liegt hinter der Mannschaft von Coach Mike Coffing bereits ein intensives Wochenende. Der ABA-Heimsieg vom Samstag unterstrich zugleich, welches Potenzial im Wiener Roster steckt. Immer wieder ist es ein anderer Spieler, der Verantwortung übernimmt und einer Partie seinen Stempel aufdrückt.
In der Derby-Partie war es Marko Pavićević, der mit einem Double-Double aus 25 Punkten und 19 Rebounds sowie einem Index Rating von 31 eine herausragende Leistung zeigte und die Qualität dieses Kaders eindrucksvoll unter Beweis stellte.
Parallel dazu zwingt der dicht gedrängte Spielkalender den Klub weiterhin zu ungewöhnlichen Lösungen im nationalen Wettbewerb. Auch weil die Terminplanung der Österreichische Basketball Superliga bislang wenig Spielraum lässt, um Überschneidungen mit der ABA League zu entzerren. Am Sonntag stand daher das BSL-Platzierungsspiel in Graz auf dem Programm, das Vienna mit 79:115 gegen UBSC Graz verlor.
Anders als wenige Tage zuvor gegen die Kapfenberg Bulls, als ausschließlich die U19 zum Einsatz kam, stand diesmal zumindest Kapitän Rašid Mahalbašić gemeinsam mit den Nachwuchsspielern auf dem Parkett und übernahm Verantwortung.
Ein Spiel mit Bedeutung
BC Vienna geht mit Rückenwind in diese Partie in Split. Die Dalmatiner hingegen kassierten zuletzt auswärts bei KK Spartak Subotica eine deutliche 92:71-Niederlage. Für Vienna macht das die Aufgabe jedoch nicht einfacher. In Split wartet ein Gegner mit großer Tradition, eine Halle mit Charakter – und ein Spiel an einem Ort, an dem Basketball seit Jahrzehnten Teil der Identität der Stadt ist.
Am Mittwoch zählt jedoch nicht die Geschichte, sondern die Gegenwart dieser Saison. In der Gripe-Halle steht für BC Vienna die nächste wichtige Prüfung an, gegen einen Klub, dessen Vergangenheit den europäischen Basketball geprägt hat.
